Liebe Alle
Nun weile ich seit drei Tagen wieder in der Schweiz – und ich bin ganz ehrlich: Ich tue mich schwer.
Mir fehlt die Wärme, die Sonne, dieses tiefe Gefühl von Geborgenheit. Fünf Wochen lang wurde ich wie eine Königin umsorgt. Man hat nach mir geschaut, mich gepflegt, mich mit frischer Kerala-Küche verwöhnt. Mein grosser Balkon, auf dem ich täglich sass, schrieb, las und einfach da war, fehlt mir sehr. Wirklich sehr.
Die fünf Wochen in Indien haben mich geprägt.
Ich war schon oft dort und liebe die bunte Vielfalt, die alten Rituale, das Chaos und die Schönheit dieses Landes. Doch dieses Mal war es anders. Es hat mich eingenommen. Etwas in mir hat sich neu sortiert.
Ich bin zutiefst dankbar, dass sich mein persönlicher Nebel gelichtet hat und ich meinen alten Pfad wiedergefunden habe. Nach fünf Wochen Ayurveda-Kur all die neuen Gewohnheiten zu Hause umzusetzen, ist allerdings kein Selbstläufer. Es braucht Disziplin. Und Eigenwillen. Wenn man wirklich etwas im Leben verändern möchte, dann braucht es genau das.
Ich kenne mich gut: Ich habe schon oft begonnen, eine Zeit lang durchgezogen – und mich dann mit Ausreden wieder verabschiedet. Das führt nirgends hin.
Jetzt heisst es: dranbleiben.
Transformieren, was ich schon lange verändern wollte.
Mein Tagesablauf bleibt bestehen. Ich wache früh auf, meist zwischen 4.15 und 4.45 Uhr, ganz von selbst. Ich lasse mir Zeit, stehe bewusst auf und beginne den Tag mit Mantras. Ich bedanke mich dafür, dass ich aufstehen kann und gesund bin.
Dann folgt das Bad: eine Dusche mit klarem Wasser, nichts weiter als Seife und Wasser auf der Haut. Danach reibe ich meinen Körper bewusst mit Öl ein, ziehe frische, warme Kleider an und setze mich für 25 Minuten zur Meditation. Vor ein paar Wochen fiel mir das noch sehr schwer – heute sitze ich ruhig und still da. Anschliessend meditiere ich weitere fünf Minuten im Stehen und beobachte meinen Atem.
Es folgen Qi-Gong-Aufwärmübungen und die Nierenreinigung.
Nach gut einer Stunde und fünfzehn Minuten bin ich bereit für den Tag. Und ich habe begonnen, es zu lieben.
In Indien schrieb ich danach Tagebuch –
Gedanken fanden ihren Weg aufs Papier,
oder ich liess den Morgen in der Feuerzeremonie weitergehen.
Hier zu Hause husche ich danach in die Küche, koche frischen Tee und bereite mein Frühstück zu. Butter und Brot gibt es nicht mehr – das ist für mich endgültig vorbei. Wenn ich es mir gönnen möchte, dann höchstens einmal im Monat. In Indien wurde mittels Bluttest festgestellt, dass ich eine Glutenunverträglichkeit habe. Kein Weizen mehr. Ausgerechnet ich, die Brot über alles liebt.
Nach dem Frühstück setze ich mich nochmals für eine halbe Stunde hin und schreibe. Ich lese, wofür ich am Vortag dankbar war, und setze mir für den neuen Tag drei kleine, klare Ziele. Diese erledige ich bewusst. Ohne Hast, ohne Druck – mit Freude.
Und so vergeht der Tag.
Mit Sein. Mit Schreiben. Mit Beobachten. Mit Ruhe.
Diese Auszeit habe ich noch bis Donnerstag. Am Freitag beginne ich wieder zu arbeiten. Auch dort möchte ich diese Ruhe mitnehmen – und bewusst in den Tag gehen.
Ein Meister sagte mir einmal:
„Ausreden gibt es viele. Wenn man etwas in seinem Leben ändern will, gibt es keine Ausreden. Tugenden kann man sich aneignen – einfach dranbleiben und beim kleinsten Widerstand nicht aufgeben.“
Diesen Weg gehe ich nun seit fast sechs Wochen.
Und das Schöne ist: Ich brauche meine morgendlichen Übungen inzwischen. Ohne geht es nicht mehr. Es ist wie Zähneputzen geworden. Eine Selbstverständlichkeit.
Erstaunlich ist auch, dass ich zwischen 18 und 19 Uhr eine wohltuende Müdigkeit spüre. Ich will ins Bett. Ich schlafe tief und fest, ohne Unterbruch. Das Handy wird um 19 Uhr ausgeschaltet. Keine Ablenkung mehr. Erst am nächsten Morgen, gegen 7.30 oder 8 Uhr, schaue ich wieder hinein.
Wenn man wirklich etwas will, kann man sein Leben ändern.
Ob man es will – das ist eine andere Frage.