Vom Stolpern und vom Bleiben
Es gibt Tage,
da stehe ich mir selbst im Weg.
Nicht, weil etwas Dramatisches geschieht.
Sondern weil ich müde bin.
Weil mein Körper länger schlafen will.
Weil ich nicht früh aufstehe, nicht meditiere, nicht „dranbleibe“.
Und dann ist sie da, diese Stimme.
Scharf, alt, unerbittlich:
Wieder hast du versagt.
Das ist ja typisch.
Für dich schaust du am wenigsten.
Vielleicht kennst du sie auch.
Ich habe lange geglaubt, Spiritualität müsse konsequent sein.
Diszipliniert.
Gerade Linien, feste Zeiten, klare Formen.
Ich habe geglaubt, ich müsse mich zusammenreissen,
damit ich mir selbst genüge.
Heute beginne ich zu ahnen:
Nicht das Auslassen tut weh.
Sondern das Verlassen.
Der Moment, in dem ich mich innerlich abwerte.
In dem ich mir entziehe, was ich anderen sofort geben würde:
Verständnis. Nachsicht. Wärme.
Mein Körper ist kein Gegner.
Er ist kein Hindernis auf dem Weg zu einem besseren Ich.
Er ist der Ort, an dem das Leben stattfindet.
Wenn er mehr Schlaf sucht, dann nicht aus Schwäche,
sondern aus Weisheit.
Und wenn ich ihm nicht zuhöre,
beginnt der innere Lärm.
Ich lerne gerade etwas Neues.
Etwas Leises.
Dass es nicht darum geht, immer dranzubleiben.
Sondern darum, wie ich zurückkehre.
Nicht mit grossen Neuanfängen.
Nicht mit Vorsätzen.
Sondern mit einem Satz wie:
Aha. Heute also so.
Ohne Drama.
Ohne Urteil.
Für die Tage, an denen nichts gelingt,
habe ich mir eine kleine Praxis erlaubt.
Sie ist unspektakulär.
Und genau deshalb trägt sie.
Ich halte kurz inne.
Lege eine Hand auf meinen Körper.
Atme drei Mal.
Und sage mir:
Ich bin kein Projekt.
Oder:
Für mich schauen beginnt hier.
Dann tue ich eine kleine Sache nur für mich.
Ein Glas Wasser.
Ein Blick aus dem Fenster.
Ein Moment Wärme.
Nicht mehr.
Aber auch nicht weniger.
Vielleicht ist Versagen kein Zustand.
Vielleicht ist es nur ein Wort, das wir zu oft gehört haben.
Vielleicht besteht Wachstum nicht darin, strenger zu werden,
sondern früher zu merken,
wann wir uns selbst verlieren –
und dann sanft zurückzukehren.
Ich glaube nicht mehr,
dass Spiritualität uns über den Alltag erhebt.
Ich glaube, sie bringt uns in ihn hinein.
Mitten in die Müdigkeit.
Mitten in die Unordnung.
Mitten in das unperfekte Menschsein.
Und vielleicht ist genau das der Frieden,
nach dem so viele suchen.
Ich übe nicht, besser zu werden.
Ich übe, mich nicht zu verlieren.
Und wenn du dich in diesen Zeilen wiedererkennst,
dann vielleicht deshalb,
weil wir mehr gemeinsam haben, als wir denken.
Vielleicht reicht es für heute,
ein klein wenig freundlicher mit dir zu sein.
Mehr braucht es nicht.