Wenn die Haut erinnert
Meine liebe Leserschaft – und alle, die hier regelmässig mitlesen,
ich bin nun seit drei Wochen hier in Indien, und knapp zwei Wochen liegen noch vor mir. Nach diesen fünf Wochen werde ich eine intensive und reinigende Kur hinter mir haben. Heute möchte ich euch mitnehmen und erzählen, wie es mir nach diesen drei Wochen wirklich geht – und was geschehen ist.
Ich selbst – wie viele von euch wissen – habe Ayurveda vor über 25 Jahren gelernt. Und wenn ich das realistisch betrachte, bin ich Meilen entfernt von dem Wissen, das alle ayurvedischen Ärztinnen, Ärzte und Therapeut:innen hier in dieser Klinik tragen. Ich erlebe hier ein authentisches, sanftes und zugleich schonungsloses Ayurveda.
Mit unglaublicher Energie und Liebe werde ich hier behandelt, getragen und umsorgt – in einer Form, wie ich sie in meinem Leben so noch nie erlebt habe. Die Therapeutinnen (Frauen behandeln Frauen, Männer werden von Männern umsorgt) leisten Tag für Tag Unglaubliches. Die Energie und Liebe, die sie schenken, liegt in jeder Berührung: im leisen Nachfragen, ob ich gut liege, ob das Wasser warm genug ist, im Einmassieren mit Öl am Ende einer Behandlung.
Das ist nicht einfach eine Dienstleistung.
Es ist eine Haltung.
Eine Haltung dem Menschen gegenüber.
Seit drei Wochen werde ich jeden Morgen um sieben Uhr nur mit Kräuterwasser gewaschen. Es folgen Gespräche, Untersuchungen und am Nachmittag ein Stirnölguss mit Buttermilch und Fussmassagen. Mehr liegt im Moment nicht drin bei mir.
Nach tiefer Entspannung und dem Loslassen ist bei mir ein massiver Hautausschlag hervorgekommen. Ich bin übersät von Pusteln, meine Haut sieht aus wie Verbrennungen ersten Grades. Emotionen, die ich jahrelang unterdrückt habe, sind hochgekommen, mein Nervensystem stand zeitweise enorm unter Strom.
Immer deutlicher zeigt sich mir dabei, wie fein und gleichzeitig klar meine inneren Grenzen sind – und wie schmerzhaft es ist, wenn sie übergangen werden, selbst dann, wenn sie ruhig und eindeutig ausgesprochen sind. Was wird an dem Satz „Nein. Punkt.“ nicht gehört? Und warum gilt das Einstehen für sich selbst so schnell als Übertreibung?
Hier, in dieser Stille, im Gehaltensein, zeigt sich all das nicht als Fehler, sondern als Weg – und vielleicht zeigt sich genau hier auch, wie viel wir unserem Körper zumuten und wie wenig liebevoll wir oft mit ihm umgehen, bis wir den Mut finden, unseren eigenen Schmerz anzuschauen, dranzubleiben, wenn der Körper schreit und alles abbrechen möchte, und nach dem Überwinden des Schwersten die Schönheit zu sehen, sie achtsam zu pflegen, das Vergangene stehen zu lassen und mit kleinen, bewussten Schritten nach vorne zu gehen.