Meine Heilreise in Indien – 3. & 4. Tag

Wie müde kann mein Mensch sein

Das stelle ich jetzt fest, seit ich hier in Indien bin. Eine tiefe Müdigkeit
bricht aus mir heraus, als hätte sie lange gewartet.

Morgens, wenn ich aufstehe, bin ich voller Elan und topfit. Kaum habe ich meine Frühstücksuppe geschlürft und bekomme meine erste Behandlung, zieht es mich zurück ins Liegen, in eine andere Schwerkraft. Mein Kapha lässt grüßen.

Und doch meldet sich Pitta hinter dem Ofen
und schreit: Also das musst du noch machen. Und bitte, Lady – schlafen kannst du, wenn du tot bist. Hopp. Es wird geschrieben, gearbeitet. Der innere Antreiber kennt keine Siesta.

Ein Desaster mit mir.

Der dritte Tag ist vorbei, heute ist mein vierter Tag in der Ayurveda-Klinik. Ich wusste, was mich erwartet. Und doch war da diese leise Hoffnung, es könnte kleinwenig eine Ausnahme für mich geben. So ist es aber nicht.

Morgens stehe ich zwischen sechs und sieben Uhr auf. Wasserdusche. Zähne. Dann nach draussen, Qi Gong im frühen Licht.

Um sieben Uhr ist die Feuerzeremonie. Manchmal bin ich dabei, manchmal nicht. Pflicht ist hier nichts. Und doch wirkt alles.

Am frühen Morgen schreibt es sich am schönsten. Die Welt ist noch unberührt, die Hitze hält den Atem an bis nach dem Mittag. Mein Kopf ist klar, und Schreiben ist für mich eine Form des Sprechens nach innen.

Um 8.30 Uhr bekomme ich meine Suppe. Köstlich. Warm. Sie legt sich sanft um mein Kapha-Bäuchlein. Das muss ich mir merken. Für später. Für zu Hause. Was der Mensch alles vergisst, sobald es wieder schneller wird.

Um 10.30 Uhr beginnt die Therapie. Zu viel Kapha, zu viel Hitze trage ich in mir. Um die Schlackenstoffe zu lösen, bekomme ich zunächst ein Kräuterbad. Die Gifte sollen sich lösen, bevor sie gehen dürfen.

Ich bin in der Vorbereitungswoche. Richtig herangenommen werde ich erst – so glaube ich – nächste Woche.

Vor dem Mittagessen eine Kräuterpackung. Dann Pause. Am Nachmittag wieder Kräuter, wieder Liegen, wieder Stillhalten. Zum Schluss ein Stirnguss mit Eibisch-Milchwasser. Er kühlt meinen Kopf und besänftigt das Feuer.

Nach jeder Behandlung bin ich plemplem. Wie weich gekocht. Dann steigt die Müdigkeit hoch, unverhandelbar.

Um 21 Uhr ist Sendepause. Ich schlafe ein, als würde mein Körper den Tag selbst beenden. Manchmal schlafe ich durch, manchmal wache ich vier- bis fünfmal auf. Der Durst ruft. Die Toilette.
Dann wieder die Hitze in mir, die hinaus will, durch jede Pore.

Vielleicht ist diese Müdigkeit kein Fehler, sondern die erste ehrliche Antwort meines Körpers.

Ein stiller Gruss aus Indien,
eure Lilly

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